Wesentliche Ergebnisse der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

Das Hochschul-Informations-System (HIS) führt alle drei Jahre im Auftrag des Deutschen Studentenwerks eine Sozialerhebung unter den deutschen Studierenden durch. Zweck der Erhebung ist die Beschreibung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in der Bundesrepublik. Im Vorwort der aktuellen Ausgabe wird auf die besondere Bedeutung für die bildungs- und hochschulpolitische Debatte hingewiesen: „Die Zeitreihen im Kapitel Bildungsbeteiligung sind zu einem der wichtigsten Indikatoren dafür geworden, ob und in welchem Umfang sich die Chancengerechtigkeit beim Hochschulzugang in Deutschland verändert hat.“

Seit einiger Zeit liegen die Ergebnisse der 19. Sozialerhebung vor, in der die Daten des Jahres 2009 ausgewertet werden. Die Ergebnisse werden als Kurzfassung, als Langfassung und in länderspezifischen Tabellen im Internet frei zur Verfügung gestellt.

Nachfolgend sollen einige wesentliche Ergebnisse vorgestellt werden.

Aussagekraft

Befragt wurden insgesamt 16.370 Studierende. Die Autorinnen und Autoren betrachten die Untersuchung auf Grund der Zahl und auf Grund der Auswahl als repräsentativ für die Studierenden an deutschen Hochschulen.

Studierquote – rund ein Drittel

Die Studierquote beschreibt den Anteil eines Jahrgangs, der ein Studium aufnimmt. Für das Jahr 2009 wird eine Quote von über 34 % angegeben. Diese Quote erhöht sich durch zugewanderte ausländische Studienanfänger um fünf bis sechs Prozent. Insgesamt liegt die Anfängerquote damit bei 40 %.

Der Bericht stellt fest, die Quote „ist wesentlich als Resultat des deutschen Schulsystems anzusehen. […] Insofern werden die wichtigsten Weichenstellungen für die Beteiligung an höherer Bildung im Schulsystem vollzogen.“

Von den Studienberechtigten (rund 45 % der altersgleichen Bevölkerung) haben im Jahr 2008 69 % ein Studium aufgenommen bzw. die feste Absicht, dies zu tun. Zählt man die Studierenden an Berufsakademien zum Hochschulbereich dazu, beträgt die Quote rund 73 %.

Der Bericht kommt zu der Einschätzung, dass eine (arbeitsmarktpolitisch gewünschte) Erhöhung der Studierquote nur möglich ist, wenn eine soziale Öffnung der Hochschulen erfolgt. Denn die „Rekrutierungspotentiale aus den hochschulnahen Bildungsmilieus sind […] schon recht gut ausgeschöpft“.

Bologna?

Die Sozialerhebung enthält eine Reihe von interessanten Fakten zu den gewählten Studiengängen und ermöglicht auch einen tieferen Blick in Details, die sich aus der Umstellung der Studiengänge auf die Bachelor- und Mastersystematik ergeben. Zum Teil ergeben sich Aussagen, die doch wesentlich differenzierter erscheinen, als die zuletzt geführte öffentliche „Bologna-Diskussion“.

Die Studie zeigt, dass Bologna mittlerweile gewissermaßen Alltag für die Studierenden wird. Von 2006 zu 2009 hat sich der Anteil von Studierenden in diesen gestuften Studiengängen von 13 % auf 47 % erhöht.Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem Prozentsatz an Fachhochschulen (über 67 %) und Universitäten (knapp 33 %).

Auch in Bezug auf die Mobilität der Studierenden, die in der öffentlichen Debatte als durch Bologna gefährdet angesehen wird, sind die Ergebnisse differenzierter – es scheint durch Bologna eher eine Verschiebung der Auslandsaufenthalte und weniger eine Verringerung zu geben:

„Die Quote der Auslandsmobilen ist unter den Bachelorstudierenden in höheren Semestern mit 16 % deutlich geringer; 9 % waren an einer ausländischen Hochschule immatrikuliert. Allerdings ist der Anteil, der einen studienbedingten Auslandsaufenthalt noch für die Zukunft plant, sehr viel höher.“

Zeitaufwand für das Studium

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Bologna-Debatte wurde insbesondere das Bachelor-Studium wegen der hohen zeitlichen Belastung und Dichte kritisiert. Die Studie belegt diese Kritik eigentlich nicht. Auch hier zwei etwas längere Originalzitate:

„Der gesamte studienbezogene Zeitaufwand während der Vorlesungszeit hat sich von 1991 bis 2009 nur marginal verändert: Von durchschnittlich 37 Stunden in der Woche auf 36 Stunden. Der Querschnittsvergleich belegt zwar eine zeitliche Mehrbelastung von drei Stunden pro Woche im Bachelorstudium; dies ist jedoch teilweise darauf zurückzuführen, dass die Vergleichsgruppe im Diplomstudium überwiegend in höheren Semestern studiert, wo die zeitliche Belastung durch das Studium tendenziell etwas geringer ist. Bei einem Vergleich von Jahrgangskohorten sind die Unterschiede deutlich geringer.

Der Anteil der Bachelorstudierenden, der die zeitliche Belastung durch das Studium während der vorlesungsfreien Zeit als zu hoch einschätzt, unterscheidet sich nicht nennenswert von den entsprechenden Anteilen in den traditionellen Studiengängen.“

Viel größer als zwischen Bachelor- und Diplomstudiengängen ist der Zeitaufwand zwischen verschiedenen Studienbereichen bzw. -fächern. Die Studie spricht von „seit langem bekannten“ Mustern, die erhebliche Unterschiede in der Zeitbelastung bei Natur- und Ingenieurwissenschaften auf der einen Seite und Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fächern auf der anderen Seite feststellen.

Soziale Zusammensetzung der Studierenden

Gesellschaftspolitisch brisant sind die Aussagen der Sozialerhebung zur sozialen Zusammensetzung der Studierenden. Die Brisanz liegt dabei nicht nur in der oben bereits angesprochenen Notwendigkeit der Erhöhung der Studierendenquote und der Tatsache, dass dies vor allem über die Erhöhung der Studierendenquote in sozial schwachen Schichten geschehen muss. Gesellschafts- und sozialpolitisch ist hier die fundamentale Frage der Chancengerechtigkeit beim Hochschulzugang betroffen.

Die Aussagen der Untersuchung zu diesem Punkt basieren im Wesentlichen nicht auf den Befragungsergebnissen, sondern vor allem auf Daten der amtlichen Statistik. Ermittelt werden sogenannte soziale Beteiligungsquoten, die die Zusammenhänge zwischen Bildungsbeteiligung und sozialer Zugehörigkeit beschreiben.

Im Ergebnis lässt sich die hohe soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems bestätigen:

„In den ermittelten Beteiligungsquoten schlägt sich die mehrfache Selektivität auf dem Wege zu einem Hochschulstudium nieder. […] Die eigentliche soziale Differenzierung der Studierchancen verläuft dabei nicht nur entlang dieser Gruppen, sondern vor allem auch in Abhängigkeit von einem Hochschulabschluss der Eltern. […] Die grundlegenden sozialen Disparitäten erweisen sich als relativ stabil. Die Gruppen mit der höchsten Beteiligungsquote beim Hochschulzugang – Kinder aus Selbständigen- und Beamtenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil ein Studium absolviert hat – weist auch 2007 noch eine etwa fünf Mal so hohe Studierchance auf wie die Gruppe mit der niedrigsten.“

Kurz gefasst, in Deutschland studieren vor allem die, deren Eltern bereits studiert haben.

Studienfinanzierung

Die Sozialerhebung beschreibt, wie Studierende das Studium finanzieren. Es handelt sich dabei für die Mehrzahl um eine Mischfinanzierung. Für die Auswertung wird ein sogenannter „Normalstudent“ betrachtet, also jemand, der schwerpunktmäßig studiert. Eine solche Studentin, ein solcher Student in Deutschland hat monatlich im Durchschnitt (einschließlich der Sachzuwendungen der Familie) 812 Euro zur Verfügung. 87 % dieser Studierenden erhalten im Durchschnitt 445 € monatlich von ihren Eltern, 65 % der Studierenden verfügen über einen eigenen Verdienst, so dass sich im Durchschnitt daraus monatlich 323 € Einnahmen ergeben. 29 % der Normalstudenten erhalten BaFöG in einer durchschnittlichen Höhe von 430 Euro pro Monat.

Auch bei der Finanzlage spielt die soziale Lage eine erhebliche Rolle: „Die Varianz der monatlichen Einnahmen ist erheblich. […] Deutlicher treten Einflüsse der sozialen Herkunft bei der Zusammensetzung der Einnahmen hervor.“

Betrachtet man den Gesamtdurchschnitt aller Studierenden, beziehen von den deutschen Studierenden und den so genannten Bildungsinländer/innen rd. 23 % eine Förderung nach dem BAföG. Damit liegt die Quote der BAföG-Empfänger/innen auf dem gleichen Niveau wie 2006.

Studiengebühren

Für das Jahr 2009 stellt die Studie fest, dass 59 % der Studierenden an einer Hochschule immatrikuliert waren, die allgemeine Studiengebühren/-beiträge erhebt. Durch die existierenden Befreiungsregeln zahlen aber bundesweit nur knapp 48 % faktisch Studiengebühren. Die jüngsten Entwicklungen im Ergebnis der letzten Landtagswahlen sind dabei natürlich noch nicht berücksichtigt.

Die Studie stellt fest, dass es in Folge der Studiengebühren keine nachweisliche „Gebührenflucht“ gibt, also bislang Studierende nicht auf Grund von Gebühren den Studienort wählen.

Bezahlt werden die Studiengebühren bei der Mehrzahl (59%) durch die Eltern und durch eigene Einkünfte.

Die Studie hält zusammenfassend fest: „die Gebührenpflicht [belastet] vornehmlich diejenigen, die ihr mit eigenen Mitteln nachkommen müssen.“

Studienorganisation

Besonders beachtenswert erscheinen die Ergebnisse zur tatsächlichen Studienorganisation. Die nachfolgende längere Textpassage aus der Sozialerhebung deutet darauf hin, dass die Studienangebote der Hochschulen sich in nennenswertem Ausmaß von der Lebensrealität der Studierenden entfernt hat. Auch politische Zielvorgaben wie die gewünschte Studienzeitverkürzung laufen anscheinend bereits jetzt bei vielen Studierenden ins Leere.

„Gerade die Sozialerhebungen als Zeitreihe zum sozialen Wandel des Studierens konnten empirisch zeigen, wie sehr sich die Realität vom ‚klassischen Bild des Studierenden‘ entfernt hat. In besonderer Weise gilt dies für Vorstellungen über das studentische Zeitbudget. Ungeachtet dessen knüpfen einige der wichtigsten Vorhaben der Studienstrukturreform mit implizit weiter an die Vorstellung an, dass sich das Zeitbudget der Studierenden ganz überwiegend auf das Studium konzentriert.

Ein nicht unerheblicher Teil der Studierenden – 2009 sind es 21 % betreibt de facto ein Teilzeitstudium. Darüber hinaus wird deutlich, dass es bei einem Teil der Studierenden große Disparitäten zwischen dem planmäßigen Zeitrhythmus des Studiums (als Vollzeitstudium) und dem tatsächlichen Studienverhalten gibt.“

Vor diesem Hintergrund erscheint es Nachdenkens Wert, ob beispielsweise Steuerungsgrößen von Ländern, die das Studium in der Regelstudienzeit mit finanziellen Anreizen belegen, überhaupt sinnvoll sind.

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