Positionierung der Fachhochschulen in der zukünftigen deutschen Hochschullandschaft

Der nachfolgende Beitrag wird/ist im Rahmen der Summer Factory des Instituts Solidarische Moderne im Workshop: ‚Die ökonomisierte Hochschule – Zur Situation an den Fachhochschulen: Entwicklung, Probleme, Kritik, Perspektiven‘ am 25. September 2010 diskutiert (worden). Er beschäftigt sich mit der Frage der Ökonomisierung der Hochschulen unter besonderer Berücksichtigung der Fachhochschulen und stellt die Frage nach Kernelementen alternativer Hochschulpolitik. Der Beitrag kann auch als PDF-Datei hier heruntergeladen werden.

1 Vorbemerkungen

Ich möchte meinem Beitrag zwei Vorbemerkungen vorausschicken:

  1. Ich halte es für gut und für dringend notwendig, im Rahmen der hochschulpolitischen Debatte über alternative Ansätze zu diskutieren. Aus meiner Sicht fehlt es derzeit vor allem an konkreten Vorschlägen zur Ausgestaltung einer anderen Hochschulpolitik. Provokativ gesagt, gibt es eine Reihe (vermeintlich) scharfer Analysen der aktuellen Hochschulpolitik, aber es gibt wenig Vorschläge, wie denn alternative Hochschulpolitik konkret aussehen könnte. Vor diesem Hintergrund war und bin ich auch gerne bereit, meinen Beitrag zu dieser Diskussion zu leisten. Ursprünglich hatte ich darauf gesetzt, als interessierter Teilnehmer dabei zu sein, aber nicht an eine Position im Podium gedacht.
  2. Ich halte den Titel dieses Workshops für unglücklich. Zum einen ist mir der Begriff »ökonomisierte Hochschule« nicht trennscharf genug (s.u.), zum anderen sehe ich den besonderen Bezug dieses Themas zu den Fachhochschulen nicht.

Ausgangsthese für meinen Beitrag ist, dass wir uns in Deutschland derzeit in der Anfangsphase eines grundsätzlichen Umbruchs der Hochschullandschaft befinden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die zukünftige Position der Fachhochschulen in dieser Hochschullandschaft zu diskutieren. Daher möchte ich mich nachfolgend auf die Fragen der Hochschulfinanzierung / -steuerung und des Umbruchs im Hochschulsystem, jeweils unter Würdigung der Situation der Fachhochschulen beschränken. Die Themen der sozialen Zusamensetzung der Studierendenschaft und möglicher Besonderheiten an den Fachhochschulen sowie des Konzeptes der offenen Hochschule bzw. der Anerkennung von im Berufsleben erworbenen Kompetenzen würden den Rahmen des Beitrages aus meiner Sicht sprengen und wären separat zu behandeln.

2 Hochschulfinanzierung

2.1 Begriffsdefinition »Ökonomisierung«

Ökonomisierung wird in der hochschulpolitischen Debatte vielfach als negativ besetztes Schlagwort verwendet. Kritisiert wird, dass in eigentlich nicht ökonomischen Bereichen ökonomische Gesichtspunkte bestimmend werden. (Schimank u. Volkmann 2008 , S. 7) beschreiben Ökonomisierung wie folgt:

»Die Ökonomisierung eines gesellschaftlichen Teilsystems wie der Bildung oder des Sports manifestiert sich daher auf der Organisations- und Interorganisationsebene in den dort angesiedelten teilsystemischen ‚Regelungsstrukturen’. […] In staatlich getragenen bzw. mitfinanzierten Organisationen wie der öffentlichen Verwaltung, den Schulen und Universitäten, den Gerichten, öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsendern, öffentlichen Krankenhäusern, staatlichen Museen, kommunalen Orchestern, Kirchen, Sportvereinen u.ä. stellt sich Ökonomisierung heutzutage als Transformation der Regelungsstrukturen ins Governance-Regime des NPM1 dar.«

Das Schlagwort Ökonomisierung wird in der Debatte häufig gleichgesetzt mit der Unterwerfung unter Marktbedingungen. Pasternack (2006 , S. 33) weist aber zu Recht darauf hin, dass es sich hier um quasi-marktliche Verhältnisse handelt.

»Ökonomisierung des Hochschulsektors bedeutete, dass sich die Hochschulen in ein marktliches Verhältnis zueinander begeben – bzw., da ein existenzielles Scheiternsrisiko ausgeschlossen ist, präziser gesagt: in ein quasi-marktliches Verhältnis. Damit würde die Funktionslogik der Wirtschaft (Gewinnstreben, marktförmiger Wettbewerb) mit der Funktionslogik der Wissenschaft (Erkenntnis- und Problemlösungssuche, reputationsgebundener Wettbewerb) zusammengeführt. Die Hochschulen müssten sich dann unter anderem an wirtschaftlichen Rationalitätskalkülen wie Effizienz oder Produktivität orientieren«

Nachfolgend soll gezeigt werden, dass ein Teil der an der Ökonomisierung der Hochschulen kritisierten Tatbestände in dieser quasi-Marktlichkeit begründet sind. Es gibt eben keinen Preisbildungsmechanismus für die ’Produkte’ der Hochschule, sondern »anstelle von dezentralen Kaufentscheidungen auf Märkten finden zentralisierte Evaluationen relativer Leistungsstärke statt« (Schimank u. Volkmann 2008 , S. 8). Die genannten Autoren sprechen in diesem Zusammenhang sogar von der ’Inszenierung’ von Märkten (Schimank u. Volkmann 2008 , S. 11).

Pasternack (2006 , S. 33) subsumiert unter dem Begriff der Ökonomisierung auch die Verwendung ökonomische Kalküle oder den Einsatz von Management-Instrumenten. Wenn diese im Sinne der Effektivität und nicht im Sinne der Effizienz eingesetzt würden, hält er sie durchaus für sinnvoll:

»Zentral aber bleibt auch dabei: Ob eine Managementorientierung zugleich Ökonomisierung ist, hängt von den Zieldefinitionen und den zugrundeliegenden Nutzenskalkülen ab. An Hochschulen soll es vor allem um gute Lehre und gute Forschung sowie um förderliche Kontexte für Lehre und Forschung gehen. Das primäre Rationalitätskalkül ist hier Effektivität, also die Orientierung am Grad der Zielerreichung, und nicht Effizienz, also das quantifizierte Kosten-Nutzen-Verhältnis.«(Pasternack 2006 , S. 40)

Pasternack (2006 , S. 39) zieht als Fazit:

»Zusammengefasst: Ökonomisierung kann in bestimmten Bereichen der Hochschulen durchaus sinnvoll sein. Diese Bereiche sind in den Teilen einer Hochschule anzutreffen, die nicht wissenschaftlich, sondern wissenschaftsunterstützend sind (ohne dass wiederum sämtliche wissenschaftsunterstützenden Leistungen per se ökonomisierbar sind). Die Kernleistungsbereiche der Hochschule – Lehre und Forschung – dagegen werden durch systematische Ökonomisierung eher beschädigt.«

Als ein Beispiel dafür, wie sich Ökonomisierung an den Hochschulen in der Gesetzgebung niederschlägt, wird häufig das Hochschulfreiheitsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen genannt, es ist ein ’typischer’ Vertreter der neuen Landeshochschulgesetze. Dort heißt es z.B. im Paragrafen 5 (Landtag NRW 2006 ):

§5 Finanzierung und Wirtschaftsführung

(1) Die staatliche Finanzierung der Hochschulen orientiert sich an ihren Aufgaben, den vereinbarten Zielen und den erbrachten Leistungen.

(2) Die Mittel im Sinne des § 2 Abs. 3 Satz 3 werden in Form von Zuschüssen für den laufenden Betrieb und für Investitionen zur Verfügung gestellt. Die haushaltsrechtliche Behandlung dieser Zuschüsse und des Körperschaftsvermögens richtet sich ausschließlich nach dem Hochschulgesetz und den aufgrund dieses Gesetzes erlassenen Vorschriften. Die Hochschulen führen ihren Haushalt auf der Grundlage eines ganzheitlichen Controllings, das die Kosten- und Leistungsrechnung, eine Kennzahlsteuerung und ein Berichtswesen umfasst. Sie haben ihre Wirtschaftsführung so zu planen und durchzuführen, dass die stetige Erfüllung ihrer Aufgaben gesichert ist. Bei ihrer Wirtschaftsführung berücksichtigen sie den Grundsatz der wirtschaftlichen und effektiven Verwendung ihrer Mittel.

(3) Die Zuschüsse nach Absatz 2 fallen in das Vermögen der Hochschule, zu dem auch die Erträge sowie das Vermögen der rechtlich unselbständigen Stiftungen gehören.

(4) Nach Ablauf des Haushaltsjahres ist ein Jahresabschluss zu erstellen. Seine Prüfung erfolgt nach Maßgabe der Grundordnung der Hochschule. Der Hochschulrat erteilt die Entlastung.

In den nachfolgenden Abschnitten soll vor diesem Hintergrund anhand von Zahlen und Fakten daher zwei Fragestellungen nachgegangen werden:

  • Läßt sich ein steigender (einseitiger) Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulen nachweisen? Dabei stehen insbesondere die Rolle und Bedeutung der Drittmittel der Wirtschaft und die Zusammensetzung und Aufgaben der Hochschulräte im Mittelpunkt und
  • wie wirken sich die Prinzipien des NPM bei der Finanzierung langfristig auf die Hochschullandschaft aus?

2.2 Einfluß der Wirtschaft

2.2.1 Drittmittel

Grosse Beachtung bei der Diskussion um die Ökonomisierung der Hochschulen erfährt die Bedeutung von Drittmitteln und dabei insbesondere die Frage, ob sich durch von der Wirtschaft gezahlte Drittmittel eine Abhängigkeit ergibt.

Zunächst ist daher zu klären, was eigentlich genau Drittmittel sind. Je nach Zusammenhang unterscheiden sich Definitionen des Begriffs Drittmittel, insbesondere bei der Frage, welche Mittel bei der Berechnung von Erfolgsprämien in Haushalten herangezogen werden. Nachfolgend soll die Definition des Statistischen Bundesamtes in der aktuellen Fassung verwendet werden:

»Drittmittel sind Mittel, die zur Förderung von Forschung und Entwicklung sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Lehre zusätzlich zum regulären Hochschulhaushalt (Grundausstattung) von öffentlichen oder privaten Stellen eingeworben werden. Drittmittel können der Hochschule selbst, einer ihrer Einrichtungen (z.B. Fakultäten, Fachbereichen, Institute) oder einzelnen Wissenschaftlern im Hauptamt zur Verfügung gestellt werden. In der Hochschulfinanzstatistik werden aber grundsätzlich nur solche Mittel erfasst, die in die Hochschulhaushalte eingestellt bzw. die von der Hochschule auf Verwahrkonten verwaltet werden.« (DeStatis 2010 )

Insgesamt steigt die Bedeutung der Drittmittel für die Hochschulen kontinuierlich. »Der Anteil der Drittmitteleinnahmen am gesamten Ausgabevolumen der Hochschulen liegt inzwischen im Bundesdurchschnitt bei 12,8%; 2000 waren es noch 10,3%.« DeStatis (2009 , S. 29).

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern wie Abbildung 1 zeigt. Tendenziell sinken die Anteile der durch Drittmittel bestrittenen Ausgaben von den Ingenieurwissenschaften hin zu den Sozialwissenschaften. Die medizinischen Fächer nehmen insofern eine Sonderrolle ein, als hier relative Anteile ausgewiesen werden. Durch den Klinikbetrieb sind die Gesamtausgaben hier so hoch, dass bei Betrachtung der absoluten Beträge die Medizin an erster Stelle stünde.

Abbildung 1: Anteil der Drittmittel an den Ausgaben an Universitäten nach Fächern (Drittmittelquote) (DeStatis 2009 , S. 30)

Weitverbreitet ist die Einschätzung, dass die Wirtschaft der bedeutendste Drittmittelgeber sei und sich so der steigende Einfluss der selben belegen liesse. Abbildung 2 zeigt anhand einiger ausgewählter Fächer, dass die öffentliche Hand bei Weitem der bedeutendste Drittmittelgeber ist. Selbst in den Ingenieursbereichen, in denen die Wirtschaft einen höheren Anteil der Drittmittel gibt, liegt der Anteil der öffentlichen Drittmittel bei über 50 Prozent.

Abbildung 2: Drittmittelgeber für ausgewählte Bereiche
Quelle: CHE-Forschungsranking deutscher Universitäten 2008 (Berghoff u.a. 2008 )

Abbildung 3 illustriert die Bedeutung der unterschiedlichen Drittmittelgeber am Beispiel des Gesamthaushaltes der Technischen Universität München. Der Anteil der Finanzierung des Gesamthaushaltes durch aus der Wirtschaft eingeworbenen Mittel liegt demnach gerade einmal zwischen 5 % und 6 % (Bode 2002 , S. 107).

Abbildung 3: Zusammensetzung des Haushalts der TU München (Bode 2002 )

Generell fällt es schon schwer, angesichts dieser Zahlenverhältnisse von einer direkten Abhängigkeit der Hochschulen von Finanzmitteln der Wirtschaft zu sprechen. Zumal dann zum Zweiten geklärt werden müsste, wie denn die Mechanismen der Einflussnahme konkret funktionieren.

Viel bedeutender ist die Rolle der Drittmittel aus öffentlichen Quellen. Durch die Vergaberichtlinien und Auswahlverfahren ergibt sich bei gleichzeitig sinkender Grundfinanzierung eine stark steuernde Funktion. Im Abschnitt 2.3 wird gezeigt, dass die Umsteuerung in der Hochschullandschaft im Wesentlichen nicht durch Finanzmittel der Wirtschaft, sondern durch diese geänderten Verteilungsmodelle erfolgt.

2.2.2 Hochschulräte

In allen Hochschulgesetzen der Länder sind mittlerweile Hochschulräte vorgesehen. Die den Hochschulräten zugebilligten Kompetenzen unterscheiden sich, der wesentlichste Unterschied liegt wohl darin, ob die Hochschulräte die Wahl der Präsidentin, des Präsidenten vornehmen oder nicht. Das Hochschulfreiheitsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen gewährt dem Hochschulrat beispielsweise u.a. folgende Kompetenzen:

  • Entlastung für den Haushaltsabschluss,
  • Bestimmung der Zahl der VizepräsidentInnen,
  • Entgegennahme des Rechenschaftsberichts des Präsidiums,
  • Wahl der hauptberuflichen Mitglieder des Präsidiums,
  • Wahl der nichthauptberuflichen VizepräsidentInnen,
  • Abwahl der Präsidiumsmitglieder,
  • Zustimmung zum Hochschulentwicklungsplan und zum Wirtschaftsplan,
  • er ist zudem oberste Dienstbehörde.

Von gesetzgeberischer Seite wird die Einrichtung von Hochschulräten und die Ausstattung mit Entscheidungskompetenzen oft in Analogie zu den Funktionen von Aufsichtsräten bei Wirtschaftsunternehmen begründet. Die Ministerien entliessen die Hochschulen zunehmend in Autonomie, deshalb müsse es doch eine Institution geben, denen gegenüber die Hochschulen Rechenschaft ablegen müssten.

Gegner der Übertragung derartiger Kompetenzen an die Hochschulräte kritisieren u.a. den massiven Abbau der Rechte der Selbstverwaltungsgremien der Hochschulen und die mangelnde Legitimation der Mitglieder des Hochschulrates.

Abbildung 4: Zusammensetzung von Hochschulräten, Quelle: anonym (2008 )

Verschiedene Untersuchungen über die Zusammensetzung von Hochschulräten (vgl. Abbildung 4 und Tabelle 1 ) zeigen, dass neben einem erheblichen Anteil von Hochschulräten aus dem Bereich der Wissenschaft/Hochschule ein überproportionaler Anteil aus dem Bereich der Wirtschaft kommt. Bei den Vorsitzenden stellen Wirtschaftsvertreter sogar den größten Anteil.

Fraglich ist, ob aus der anteilsmäßigen Zusammensetzung auch direkt der Einfluß der jeweiligen Gruppe abzuleiten ist. Zahlenmäßig hätten dann VertreterInnen der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens einen dominaten Einfluß.

Bei der Einschätzung des Einflusses der Wirtschaft über die Hochschulräte ist auch zu berücksichtigen, dass es in den Ländern sehr unterschiedliche Regelungen zur Wahl oder Bestimmung der Hochschulratsmitglieder gibt. Das reicht von der Wahl der Mitglieder durch den Senat der Hochschule über die Bestimmung (eines Teils der Mitglieder) durch das zuständige Ministerium.

Anteil an allen Mitgliedern Anteil an externen Mitgliedern Anteil an Vorsitzenden Anzahl
Universitätsangehörige (einschließlich Studierende) 41% 24% 29% 183
Unternehmen/Unternehmensverbände 33% 43% 47% 146
Politik, Öffentliche Verwaltung, Recht, Spitzenorganisationen der Wissenschaft, Forschungsförderung, Forschungsinstitute 13% 17% 11% 59
Medien, Kultur 8% 10% 13% 35
Gewerkschaft 1% 2% 0% 6

Tabelle 1: Institutionelle Herkunft der Hochschulratsmitglieder (Nienhüser u.a. 2007 )

Nienhüser u.a. (2007 , S. 6 f.) vermuten als Gründe für die Berufung von Wirtschaftsvertretern in die Hochschulräte unter anderem:

  • Die Hoffnung auf ’Know-How’ und die Verbindungen der Wirtschaftsvertreter zugreifen zu können,
  • die Hoffnung, die Reputation der Hochschule zu erhöhen und
  • die Hoffnung, auf Managementfähigkeiten und -erfahrungen zugreifen zu können.

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat sich in einer Plenumsentschließung im Jahr 2004 durchaus für die Einrichtung eines externen Kontrollgremiums ausgesprochen, sich allerdings nicht weiter zur Zusammensetzung und zu den Kompetenzen des Gremiums geäußert (HRK 2004 , S. 2). Allerdings wird ausdrücklich eine Legitimation der Entscheidungsträger verlangt:

»[…] bedürfen die Entscheidungsträger der doppelten Legitimation: sie werden von den Betroffenen ihrer Entscheidungen (direkt oder indirekt) gewählt und von den jeweiligen Aufsichts- oder übergeordneten Instanzen (Hochschulleitung, Hochschulrat und/ oder Ministerium) bestätigt.«
(HRK 2004 , S. 11 f.)

2.3 Steuerungs- und Finanzierungsmodelle

Die Hochschulrektorenkonferenz beschreibt die Veränderungen in der Steuerung der Hochschulen wie folgt (HRK 2004 , S. 7 f.):

»Spätestens seit Ende der Neunzigerjahre wandelt sich die Aufgabenstellung der Hochschule als Institution grundlegend. Grund ist die zunehmende Verlagerung von Steuerungskompetenzen von der Ministerialbürokratie auf die Hochschulen in Verbindung mit der Pflicht zu umfassender Rechenschaftslegung. Die Institution Hochschule als eigenständiger Akteur gewinnt erheblich an Bedeutung, neben den oder statt der bisherigen Akteure in den Kernprozessen Lehre und Forschung, der Wissenschaftler. Die auf die einzelnen wissenschaftlichen Substrukturen der Hochschulen ausgerichtete staatliche Detailsteuerung weicht einer Globalsteuerung, die sich auf die Hochschule als Institution richtet, während die Detailsteuerung nun innerhalb der Hochschulen und von diesen eigenständig geleistet werden muss.

In der deutschen Hochschulpolitik werden damit grundlegende Reformen in der öffentlichen Verwaltung nachvollzogen, die in vielen anderen europäischen und westlichen Industriegesellschaften bereits seit Ende der Siebzigerjahre mit den Konzepten des „Public Management“ oder „New Public Management“ durchgesetzt wurden. Diese Entwicklung verläuft vor dem Hintergrund der dramatischen Unterfinanzierung des deutschen Hochschulsystems seit den Achtzigerjahren. Außerdem führt die Finanzkrise des modernen Vorsorgestaates zu heftiger Konkurrenz um die knappen Steuermittel. Genau wie die Ausgaben in anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung unterliegen auch die Ausgaben für Bildung und Wissenschaft einer verstärkten Kosten-Nutzen-Kontrolle.«

Damit sind drei Merkmale genannt, die zu weitgehenden Veränderungen an den Hochschulen führen:

  • Verlagerung von Kompetenzen an die Hochschulen,
  • Global- statt Detailsteuerung und
  • Unterfinanzierung der Hochschulen.

Leszczensky (2004 , S. 18) weist darauf hin, dass die diskretionär-inkrementalistische Finanzierung als wesentliches Element der alten Steuerungsinstrumente und die Verfahren indikatorgestützter Finanzzuweisung sowie Zielvereinbarungen bzw. Kontrakte als wesentliche Elemente des „Neuen Steuerungsmodells“ gelten.

Er erläutert den Unterschied der Steuerungsmodelle wie folgt:

»Bei der diskretionär-inkrementalistischen Finanzierung legt der Staat die Höhe der Budgets fest, die sich nicht als kalkulierbare Folge der Leistungsentwicklung einer Hochschule verändert. Dieses Finanzierungsinstrument gibt also vergleichsweise wenig Impulse zur Steigerung von Hochschulleistungen. Während der Staat bei der rein diskretionären Finanzierung als Instrument der Detailsteuerung auch Einfluss auf innere Abläufe einer Hochschule nimmt, wird bei der inkrementalistischen Fortschreibung ein zuvor festgelegter Betrag von Jahr zu Jahr überrollt.

Mit der Einführung von Globalhaushalten ist ein Paradigmenwechsel von einer Input- zu einer Outputsteuerung eingeleitet worden. Die reduzierte Detailsteuerung des Staates und der erweiterte Handlungsspielraum bei der Budgetallokation und -bewirtschaftung in den Hochschulen sind eine wichtige Voraussetzung für eine effizientere Budgetverwendung einerseits und mehr Profilbildung andererseits.« (Leszczensky 2004 , S. 19)

Damit ergibt sich als Konsequenz, dass der ’Output’, bzw. die Leistung der Hochschulen gemessen und quantifiziert werden muss, wenn Output und Leistung Bezugsbasis für das Budget sein sollen. Es wird notwendig, Indikatoren zur Bemessung der Leistung zu entwickeln und ergänzend werden Ziel- und Leistungsvereinbarungen abgeschlossen.

Eben diese Operationalisierung der Leistung ist Gegenstand heftigster Diskussionen. Im Abschnitt 2.1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass es sich bei Wissenschaft und Bildung nicht um Märkte, sondern um Quasi-Märkte handelt, da im Wesentlichen keine Preisbildungsmechanismen existieren. Wegen dieser Problematik wird es bei der Festsetzung entsprechender Leistungsparameter zwangsläufig immer einen erheblichen Anteil politisch bedingter Setzungen geben (müssen).

Als Beispiel für die kritische Würdigung von Erfolgsparametern führen Jansen u.a. (2007 , S. 144) z.B. für den Parameter ’Einwerbung von Drittmitteln’ zur Messung der Forschungsqualität aus:

»Die obige Analyse führt zu dem Ergebnis, dass die Nutzung von Drittmitteln als Performanzindikator für die Forschung nur in einem Bereich mit begrenztem Anteil von Drittmittelforschung sinnvoll ist. Ab einem kritischen Schwellenwert, der in den Natur- und Technikwissenschaften höher als in den Gesellschaftswissenschaften liegt, besteht jedoch der positive Effekt zusätzlicher Drittmittel auf den wissenschaftlichen Output nicht mehr. Dabei sinkt nicht nur die Produktivität gemessen in der Zahl der Publikationen pro Wissenschaftler, sondern auch die absolute Zahl der Publikationen. Das hat nicht nur Konsequenzen für die unkritische Nutzung von Drittmitteln als Performanzindikator, sondern auch wissenschaftspolitische Implikationen.«

Verschärft wird die Problematik dadurch, dass die Einführung des neuen Steuerungsmodells nicht vor dem Hintergrund einer soliden Grundfinanzierung der Hochschulen erfolgt, also nicht ’on-top’ auf die Grundfinanzierung erfolgt, sondern die per Leistungsparameter vergebenen Mittel an Stelle der Grundfinanzierung stehen2.

3 Wandel im Hochschulsystem

Aus Sicht des Verfassers gibt es drei wesentliche Faktoren, die zusätzlich zu bzw. im Verbund mit den geschilderten Veränderungen im Steuerungssystem der Hochschulen mittel- und langfristig zu erheblichen Veränderungen in der Hochschullandschaft führen werden. Zum einen die im Rahmen der Bologna-Reform stattgefundene Einführung der gestuften Studiengänge, zum anderen die steigende Bedeutung der Forschung für die Fachhochschulen und außerdem die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Nachfolgend sollen daher deren wesentlichen Einflüsse skizziert werden.

3.1 Bologna

In der im Jahr 1999 von 30 europäische Staaten abgegebenen sog. Bologna-Erklärung3 wurde das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Kernbestandteil der Erklärung ist die Absichtserklärung, in allen unterzeichnenden Staaten ein zweistufiges System von Abschlüssen einzuführen. Im Jahr 2010 wird die Erklärung mittlerweile von 46 Bologna-Mitgliedsstaaten getragen.

Erstmalig werden mit der Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse für Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland gleiche Abschlüsse festgelegt:

»Bachelor- und Masterstudiengänge können sowohl an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen als auch an Fachhochschulen eingerichtet werden, ohne die unterschiedlichen Bildungsziele dieser Hochschularten in Frage zu stellen.« (KMK 2010 , Teil A 1.1)

Diese Annäherung von Fachhochschulen und Universitäten wird auch vom Bundesverfassungsgericht in seinem jüngsten Urteil zu Professuren an Fachhochschulen als Fakt festgehalten:

»Schließlich haben sich Annäherungen zwischen Universitäten und Fachhochschulen im Zuge des so genannten Bologna-Prozesses ergeben, die erkennen lassen, dass nach dem Willen des Gesetzgebers auch Fachhochschulen als wissenschaftliche Ausbildungsstätten angesehen werden sollen. Nach § 19 Abs. 1 HRG können alle Hochschulen ’Studiengänge einrichten, die zu einem Bachelor- oder Bakkalaureusgrad und zu einem Master- oder Magistergrad führen’. Die Regelstudienzeit ist dabei unabhängig von der Hochschulart einheitlich geregelt.« (BVG 2010 )

In ähnlicher Form konstatiert jüngst der Wissenschaftsrat eine Annäherung der Hochschultypen im Studienbereich:

»Punktuelle Konvergenzen zwischen Fachhochschule und Universität sind zunächst auf der Ebene des Studiums zu beobachten; dies gilt sowohl für die berufsbefähigende Ausgestaltung der Studienangebote als auch für deren Wertigkeit.« (WR 2010 , S. 21)

Letztlich läßt sich eine Differenzierung der Hochschultypen nicht mehr aus den Studienabschlüssen und deren Spezifika ableiten, sondern langfristig eher aus den selbst gesetzten Schwerpunkten der Ausbildung. Insofern beginnt derzeit an vielen Hochschulen die Diskussion über eine individuelle Positionierung.

3.2 Forschung an Fachhochschulen

Ebenso deutlich wird die Annäherung der Hochschultypen bei der Betrachtung der Forschung. Auch hier haben Originalzitate des Wissenschaftsrats und des Bundesverfassungsgerichts die selbe Tendenz:

»Auch in der Forschung sind Konvergenzen zwischen Fachhochschulen und Universitäten sichtbar. Einige Fachhochschulen haben ihre Forschungsprofile gestärkt und stehen nicht nur untereinander im Wettbewerb, sondern konkurrieren zunehmend auch mit Universitäten um Forschungsgelder, wissenschaftliches Personal sowie Studierende. Dieser Wettbewerb steht indes noch in seinen Anfängen: Im staatlichen Hochschulsektor lag der Anteil der eingeworbenen Drittmittel an Fachhochschulen 2007 bei 6,9 %. Doch zumindest einzelne Fachhochschulen werden in der Forschung zunehmend sichtbar, was auch durch die Beteiligung von Fachhochschulen in Exzellenzclustern der Exzellenzinitiative sowie in Graduiertenkollegs unterstrichen wird. Einzelne Fachhochschulen sind in der Einwerbung von Drittmitteln bereits erfolgreicher als manche Universitäten. […] Bezüglich der Forschungsprofile lässt sich die Zuschreibung ’anwendungsorientierte Forschung’ an Fachhochschulen versus ’Grundlagenforschung’ an Universitäten nicht trennscharf aufrechterhalten.« (WR 2010 , S. 23)

»Da Aufgaben der Hochschulen und Ziele des Studiums unabhängig von der Hochschulart normiert werden, lässt sich die vom Bundesverfassungsgericht in den Jahren 1982 und 1983 getroffene Feststellung, dass bei wissenschaftlichen Hochschulen die Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung und Lehre im Vordergrund stehen und dem Studierenden eine umfassende wissenschaftliche Ausbildung vermittelt werden soll, bei Fachhochschulen hingegen die Vorbereitung auf eine berufliche Tätigkeit durch anwendungsbezogene Lehre vornehmliche Aufgabe ist […], nicht mehr aufrechterhalten. Einerseits sind auch für die Universitäten Ausbildungsaufgaben zentral, so dass die Universitätslehre notwendig auf Prüfungsordnungen ausgerichtet und durch Studienpläne gesteuert wird, ohne dass dadurch der Wissenschaftscharakter der Lehre an Universitäten in Frage gestellt würde. Andererseits kann es ebenso wie bei Universitäten Aufgabe einer Fachhochschule oder der in ihr tätigen Professoren sein, ihren Studierenden im Rahmen der Ausbildungsaufgaben wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden zu vermitteln sowie sie zu wissenschaftlicher Arbeit zu befähigen. […]

Auch weitere Annahmen bezüglich für den Anwendungsbereich des Art. 5 Abs. 3 GG erheblicher Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen im Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Forschung lassen sich angesichts gesetzlicher Neuerungen und faktischer Entwicklungen nicht mehr aufrechterhalten. […] Heute gestattet die Mehrheit der Bundesländer in ihren Hochschulgesetzen den Fachhochschulen nicht lediglich zu forschen, Forschung wird den Fachhochschulen vielmehr als Aufgabe, teilweise sogar ohne funktionale Bindung an ihren Ausbildungsauftrag, ausdrücklich zugewiesen« (BVG 2010 )

Auch wenn der Wissenschaftsrat aus seiner zutreffenden Analyse den merkwürdigen Schluss ableitet, die Fachhochschulen sollten sich dann auf kooperative Promotionsmodelle mit Universitäten beschränken und allerhöchstens an die Einrichtung befristeter Forschungsprofessuren denken, bleibt es bei der Feststellung einer Konvergenzbewegung:

»Diese Entwicklung ist Teil einer Konvergenzbewegung, in der sich in bestimmten Bereichen die Leistungsprofile von Fachhochschulen denen von Universitäten annähern. Parallel dazu hat eine Ausdifferenzierung sowohl im Sektor der Universitäten als auch im Bereich der Fachhochschulen stattgefunden, durch die die herkömmliche Unterscheidung zwischen den beiden Hochschularten in manchen Aspekten von der Realität mittlerweile überholt wurde. Dennoch ist die hochschulrechtliche Typendifferenz zwischen Universität und Fachhochschule weiterhin funktional und soll bestehen bleiben.« (WR 2010 , S. 5)

Die Fachhochschulen haben sich also in vielen Fällen mittlerweile von der reinen ’Lehrhochschule’ zu wirklichen ’universities of applied sciences’ weiterentwickelt. Trotz ungleicher Voraussetzungen in Bezug auf die Lehrverpflichtung der ProfessorInnen, fehlendem Mittelbau und nicht vorhandenem Promotionsrecht.

3.3 Exzellenzinitiative

Im Jahr 2005 haben Bund und Länder in einer Verwaltungsvereinbarung die sogenannte Exzellenzinitiative begründet. Für den Zeitraum von 2006 bis 2011 wurden insgesamt 1,9 Milliarden Euro bereit gestellt. Damit wurden (über die DFG)

  • Graduiertenschulen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses,
  • Exzellenzcluster zur Förderung der Spitzenforschung und
  • Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung

gefördert. Im Frühsommer 2009 wurde beschlossen, die Exzellenzinitiative über das Jahr 2012 hinaus für weitere 5 Jahre mit einem Gesamtfördervolumen von 2,7 Milliarden Euro fortzusetzen.

Die Zielsetzungen der Exzellenzinitiative wird in einem Statement des damaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats nach der ersten Auswahlrunde deutlich:

»[…] denn immerhin wird mit der Exzellenzinitiative etwas Neues geschehen. Sie unterstützt einen lang ersehnten Paradigmenwechsel im deutschen Hochschulsystem, mit dem wir uns verabschieden von der Idee der Homogenität und uns anfreunden mit der Vorstellung der Diversität. Die Gemeinsame Kommission ist sich der historischen Rolle, die sie dabei spielt, durchaus bewusst. Zum ersten Mal stehen ganze Universitäten im förmlichen Wettbewerb miteinander. Dies wird die Differenzierung der Hochschullandschaft befördern(Einhäupl 2006 )«.

Abbildung 5: Förderentscheidungen in der Exzellenzinitiative (DFG 2009 )

Die Fördermittel der ersten zwei Auswahlrunden kamen insgesamt 37 Universitäten und damit nur rund einem Zehntel der staatlichen Hochschulen zu Gute. Abbildung 5 zeigt in einer Landkarte die ’Gewinner’ der ersten beiden Ausschreibungsrunden der Exzellenzinitiative; besonders über die ’Südlastigkeit’ wurde dabei viel diskutiert.

Die ’Ungleichheit’ in der Förderung ist erklärtes Ziel der Exzellenzinitiative, wie der Präsidenten des Wissenschaftsrates im Vorwort der Broschüre ’Exzellenzinitiative auf einen Blick’ formuliert:

»Diese Broschüre präsentiert eine Erfolgsgeschichte, die in nur kurzer Zeit bereits vieles bewirkt hat – und die in den kommenden Jahren noch mehr bewirken wird. Als Politik und Wissenschaft in Deutschland 2005 den Startschuss zur Exzellenzinitiative gaben, hatten sie sich viel vorgenommen: Die Forschung an den deutschen Universitäten sollte durch einen Wettbewerb nachhaltig gestärkt, der Wissenschaftsstandort Deutschland im weltweiten Vergleich wieder sichtbarer gemacht werden. Das waren hochgesteckte Ziele, umso mehr, als man damit Abschied nahm von der lange gehegten – und verhängnisvollen – Vorstellung, alle Universitäten seien gleich und müssten gleich behandelt werden. Stattdessen setzte die Exzellenzinitiative nun gezielt auf Ungleichheit und auf die Förderung der so lange verpönten Elite« (DFG u. WR 2008 ).

Es ist kaum verwunderlich, dass in der Exzellenzinitiative nur von Universitäten gesprochen wird und nicht von Fachhochschulen. Fachhochschulen sind allerhöchstens am Rande beteiligt. Es ist absehbar, dass in den Folgerunden der Exzellenzinitiative vor allem die Universitäten wieder zum Zuge kommen werden, die bereits in den ersten Runden erfolgreich waren. In der Verwaltungsvereinbarung zur zweiten Runde der Exzellenzinitiative ist dementsprechend auch die Rede von der Fortführung der »begonnene(n) Leistungsspirale« (Die Bundesregierung u. Die Bundesländer 2009 ). Es drohen also langfristig erhebliche Unterschiede in der Verfügbarkeit von Forschungsmitteln. Diese Unterschiede werden insbesondere angesichts der Unterfinanzierung der Hochschulen Konsequenzen haben.

So spricht sich beispielsweise der Wissenschaftsrat in seinem Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Universitäten für eine deutliche Differenzierung zwischen diesen aus:

»Künftig sollen sich die Universitäten untereinander explizit auch funktional – hinsichtlich der Gewichtung der Aufgaben Forschung, Lehre, Nachwuchsförderung, hinsichtlich ihres Praxisbezugs usw. – und qualitativ abgrenzen.« (WR 2006 , S. 18)

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, im Detail auf die Folgen der Stärkung der außeruniversitären Forschungsinstitutionen einzugehen, die diesen Differenzierungsprozess zusätzlich weiter verschärfen. In Diskussionen wird in der Konsequenz durchaus auch von der Schaffung von Lehruniversitäten gesprochen4, die sich dann in ihrer Substanz in keiner Form mehr von Fachhochschulen heutiger Prägung unterscheiden.

4 Schlussfolgerungen für eine alternative Hochschulpolitik

Zusammenfassend läßt sich festhalten, dass die Veränderungen der Hochschullandschaft vor allem geprägt sind durch:

  • Den Wechsel der Hochschulsteuerung von der Input- in die Outputorientierung.
  • Durch eine chronische Unterfinanzierung des Hochschulbereichs und eine damit verstärkte Konkurrenz um Finanzmittel.
  • Durch den Wegfall der Differenzierung der Hochschultypen bei den Abschlüssen in Konsequenz des Bologna-Prozesses.
  • Durch die zunehmende Bedeutung der Forschung für Fachhochschulen.
  • Und durch eine zunehmende starke Differenzierung bei den Universitäten, bedingt durch die Exzellenzinitiative.

Insgesamt gesehen werden diese Faktoren voraussichtlich dazu führen, dass sich die Typenunterscheidung zwischen Fachhochschulen und Universitäten in der deutschen Hochschullandschaft auflösen. So prognostiziert es auch der Wissenschaftsrat im Kern:

»Der Wissenschaftsrat stellte bereits 2002 fest, dass die Einführung gestufter Studiengänge, aktuelle Entwicklungen in der Forschung als Aufgabe der Fachhochschulen sowie Veränderungen in der Arbeitswelt die traditionelle Aufgabenteilung und Differenzierung zwischen Universitäten und Fachhochschulen zunehmend in Frage stellen. 2002 war diese Dynamik von Wettbewerb und Differenzierung nicht so ausgeprägt wie heute und stand dementsprechend nicht im Mittelpunkt der Empfehlungen zur Entwicklung der Fachhochschulen. Dezidierter wurde der Differenzierungsprozess im deutschen Hochschulsystem in den ’Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem’ 2006 aufgenommen. Hier wies der Wissenschaftsrat darauf hin, dass die Typenunterscheidung in Universitäten und Fachhochschulen angesichts zunehmender Differenzierung auf lange Sicht an Bedeutung verlieren werde.« (WR 2010 , S. 20).

Die in der hochschulpolitischen Debatte kritisierte ’Ökonomisierung’ schlägt sich nicht in der drohenden Abhängigkeit von Finanzmitteln der Wirtschaft nieder, sondern vor allem durch den Paradigmenwechsel bezüglich der Steuerungsinstrumente.

Im Mittelpunkt der derzeitigen Hochschulpolitik steht der Versuch, die Ergebnisse der Tätigkeiten der Hochschulen anhand von Kriterien wie Drittmitteleinwerbung und Publikationen in redigierten Zeitschriften zu bewerten und letztlich auch die Mittelflüsse anhand dieser Kriterien zu steuern. Ein Beispiel für derartige Bewertungsansätze zeigt Abbildung 6 mit dem Forschungsranking des CHE für das Fach Elektrotechnik und Informationstechnik im Jahr 2007 (Berghoff u.a. 2008 , S. G 16).

Abbildung 6: CHE-Bewertung der Drittmitteleinnahmen, der Publikationen und der Reputation von Universitäten im Fach Elektrotechnik und Informationstechnik im Jahr 2007 (Berghoff u.a. 2008 , S. G 16)

Auch wenn die Kriterien als solche stark zu hinterfragen sind, da bei der Zahl der Publikationen und bei der Summe der Drittmitteleinnahmen vor allem die Größe der Universität zum Tragen kommt, deutet sich bereits hier die Ausdifferenzierung an. Fachhochschulen haben bei Anwendung solcher Erfolgskriterien eigentlich kaum eine Chance, sich in den illustren Kreis der Exzellenz vorzuarbeiten. Die Frage, ob die Fachhochschulen zu den Gewinnern oder zu den Verlierern der Veränderungen in der Hochschullandschaft gehören, wird vermutlich bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen sehr stark von der individuellen Positionierung der jeweiligen Hochschule abhängen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, wie denn Kernelemente alternativer Hochschulpolitik aussehen müssten und könnten. Aus Sicht des Verfassers wären dabei vor allem folgende Punkte zu diskutieren5

  • Auch für eine alternative Hochschulpolitik kann es eigentlich keine Rückkehr zur inputorientierten Finanzierung der Hochschulen geben. Gesellschaft und Steuerzahler haben das berechtigte Interesse, nachzuvollziehen, wofür Mittel an den Hochschulen eingesetzt werden. Zudem wird damit zumindest ein Teil der geforderten Autonomie der Hochschulen von der Ministerialbürokratie realisiert.
  • Es muss eine ausreichende Grundfinanzierung der Hochschulen gewährleistet sein, insbesondere ergebnisorientierte Mittelzuweisung für Forschungszwecke hat ’on-top’ zu erfolgen. Zu hinterfragen sind dabei durchaus auch Kriterien zur Verteilung des Grundbudgets, in denen z.B. auf die Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit Bezug genommen wird. Die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks verweist darauf, dass solche Modelle von einer Lebens- und Studienwirklichkeit ausgehen, die kaum etwas mit dem realen Studienalltag zu tun haben. Skandinavische Modelle nehmen beispielsweise Bezug auf die tatsächlich belegten Module an einer Hochschule, um die Studienangebote zu fianzieren.
  • Die externe Begutachtung, Beurteilung und Kontrolle der Tätigkeiten der Präsidien in Ergänzung der demokratischen Traditionen der Selbstverwaltungsgremien erscheinen durchaus sinnvoll. Insofern wäre zu prüfen, ob die Zusammensetzung und die Aufgaben von Hochschulräten etwa in Analogie zu Rundfunkräten verändert werden können.
  • Wie dargestellt, kommen innerhalb der outputorientierte Steuerung der Hochschulen den für die Mittelverteilung verwendeten Erfolgsparameter und Kriterien sowie den Zielvereinbarungen eine herausgehobene Bedeutung zu. Bislang fehlt ein Konsens, wie derartige Kriterien im Sinne einer demokratischen und sozialen Hochschule aussehen können.
  • Aufgrund der stark diversifizierenden Wirkung der Exzellenzinitiative muss diskutiert werden, wie mit dieser weiter verfahren werden soll. Denkbar wären beispielsweise entweder die Verringerung des Volumens, das über die Exzellenzinitiative verteilt wird zu Gunsten der Verbesserung der Grundfinanzierung aller Hochschulen oder eine Neuverhandlung der Exzellenzkriterien, nach denen das Geld verteilt wird.

Bei Betrachtung dieser offenen Fragen bleibt zu bezweifeln, ob es jenseits der Analysen der derzeitigen Hochschulpolitik ausreichend politikfähige Alternativvorstellungen gibt. Dieses Statement soll als Einladung zur Diskussion über genau diese Alternativvorstellungen verstanden werden.

Literatur

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ANONYM: HOCHSCHULRÄTE: Wirtschaftsvertreter dominieren. In: böckler impuls (2008), Nr. 2, S. 7

Berghoff u.a. 2008
BERGHOFF, Sonja ; FEDERKEIL, Gero ; GIEBISCH, Petra ; HACHMEISTER, Cort-Denis ; HENNINGS, Mareike ; ROESSLER, Isabel ; ZIEGELE, Frank: Arbeitspapier. Bd. Nr. 114: Das CHE-Forschungsranking deutscher Universitäten 2008. Gütersloh : CHE Centrum für Hochschulentwicklung gGmbH, 2008

Bode 2002
BODE, Arndt: Die Bedeutung der Drittmittel für die Finanzierung der Hochschulen. In: Beiträge zur Hochschulforschung 24. Jahrgang (2002), Nr. Heft 2, S. 106–110

BVG 2010
BVG: Beschluss des Ersten Senats vom 13. April 2010 – – 1 BvR 216/07 –. Das Bundesverfassungsgericht, 2010 http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20100413_1bvr021607.html

DeStatis 2009
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DeStatis 2010
DESTATIS: Drittmitteldefinition. VIB/32137100-3 (2010), 18 Januar. http://www.statistik.bayern.de/…/hochschulfinanzen_drittmitteldefinition.pdf

DFG 2009
DFG: Förderentscheidungen in der Exzellenzinitiative. (2009). http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_magazin/forschungspolitik/exzellenzinitiative/foerderentscheidungen_exin.pdf

DFG u. WR 2008
DFG ; WR: Exzellenzinitiative auf einen Blick. 2. überarbeitete Auflage. Bonn : Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Wissenschaftsrat (WR), 2008

Die Bundesregierung u. Die Bundesländer 2009
DIE BUNDESREGIERUNG ; DIE BUNDESLäNDER: Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern gemäß Artikel 91 b Abs. 1 Nr. 2 des Grundgesetzes über die Fortsetzung der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen. 4 Juni 2009

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EINHäUPL, Karl M.: Statement von Herrn Einhäupl in der Pressekonferenz am 20. Januar nach der Auswahlsitzung der Gemeinsamen Kommission. In: Gemeinsame Pressekonferenz von DFG und WR (2006), 20 Januar. – Vorsitzender des Wissenschaftsrats

HRK 2004
HRK: Entschließung des 202. Plenums der HRK am 08.06.2004, Professionalisierung als Leitungsaufgabe. Bonn : Hochschulrektorenkonferenz, 2004 http://www.hrk.de/de/download/dateien/Beschluss_Plenum_8.6.2004.pdf

Jansen u.a. 2007
JANSEN, Dorothea ; WALD, Andreas ; FRANKE, Karola ; SCHMOCH, Ulrich ; SCHUBERT, Torben: Drittmittel als Performanceindikator der wissenschaftlichen Forschung, Zum Einfluss von Rahmenbedingungen auf Forschungsleistung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Jg. 59 (2007), Nr. Heft 1, S. 125–149

KMK 2010
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LANDTAG NRW: Hochschulfreiheitsgesetz (HFG). 2006

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LESZCZENSKY, Michael: Paradigmenwechsel in der Hochschulfinanzierung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Bd. B 25, 2004 (Beilage zur Wochenzeitung das Parlament), 18-25

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NIENHüSER, Werner ; JACOB, Anna K. ; WEGENER, Maria: Besetzung und Struktur von Hochschulräten in deutschen Universitäten – Konzeption und erste Befunde eines laufenden Forschungsprojektes. 2007 http://www.uni-due.de/personal/PmWiki/index.php/Forschung/Hochschulraete

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PASTERNACK, Peer: Wie viel Management verträgt die Hochschule? In: HEINRICH, Peter (Hrsg.) ; KIRSTEIN, Denis (Hrsg.) ; Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (Veranst.): Ökonomisierung des Hochschulwesens, Redebeiträge und Thesen des 17. Glienicker Gesprächs Bd. Nr 27 Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin, 2006 (Beiträge der Hochschule), S. 33–56

Schimank u. Volkmann 2008
SCHIMANK, Uwe ; VOLKMANN, Ute: Ökonomisierung der Gesellschaft. In: MAURER, Andrea (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, 382-393

WR 2006
WR: Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem. Berlin : Wissenschaftsrat, 2006 ( Drs. 7067-06)

WR 2010
WR: Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem. Wissenschaftsrat, 2010 (Drs. 10031-10)

1New Public Management

2So z.B. im Frühsommer 2010, wo die Hessische Landesregierung Kürzungen im Hochschulbudget ausschließlich im Grundbudget vornimmt und dann zusätzlich noch Mittel aus dem Grundbudget in das Erfolgsbudget verlagert hat. Begleitet wurde dieser Vorgang mit der Schaffung eines neuen Erfolgspaameters ’Forschungsexzellenz’.

3vgl. http://www.bmbf.de/pub/bologna_deu.pdf

4So wird z.B. der Leiter des CHE, Müller-Bölling in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung am 22.1.2007 mit einer solchen These zitiert.

5Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich an dieser Diskussion z.B. unter http://www.hopo-blog.de zu beteiligen.

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