Der Deutsche Qualifikationsrahmen und die Deutschen Hochschulen

Auf Basis der Beschlüsse der Europäischen Kommission zur Etablierung eines Europäischen Qualifikationsrahmens läuft seit einiger Zeit auch in Deutschland die Diskussion über die Umsetzung dieser europäischen Vorgabe in einen Deutschen Qualifikationsrahmen. Obwohl diese Diskussion mit Sicherheit große Auswirkungen auf die Hochschulen haben wird, findet sie derzeit kaum Beachtung. Hatte der Senat der Hochschulrektorenkonferenz noch im Februar 2010 sehr kritisch Stellung zum Thema bezogen, liegt nunmehr der dritte Entwurf des Qualifikationsrahmens vor, der wesentliche Forderungen der Hochschulen berücksichtigt.

Europäischer Qualifikationsrahmen

Hintergrund der Entwicklung sind die Beschlüsse der Europäischen Kommission, einen europäischen Qualifikationsrahmen einzuführen. 2008 wurde im Rahmen des sogenannten Lissabon-Programms vom Europäischen Parlament und vom Rat die Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen beschlossen. Absicht der EU ist es, die Mobilität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Studierenden innerhalb der EU zu erleichtern.

Die EU definiert als Ziel des EQR:

Ziel des EQR ist, die verschiedenen nationalen Qualifikationssysteme auf einen gemeinsamen europäischen Referenzrahmen zu beziehen. Einzelpersonen und Arbeitgeber werden den EQR nutzen können, um die Qualifikationsniveaus verschiedener Länder sowie unterschiedliche Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung besser verstehen und miteinander vergleichen zu können.“

2010 sollte die Umsetzung in sogenannte nationale Qualifikationsrahmen beginnen und ab dem Jahr 2012 wird in allen Qualifikationen aus dem Postsekundarbereich automatisch auf eine der Qualifikationsebenen des EQR Bezug genommen. Die EU beschreibt die Funktionsweise und die Umsetzung wie folgt:

Mit dem EQR ist nun ein Instrument vorhanden, das von den Lernergebnissen und nicht von der Ausbildungsdauer ausgeht. Die wichtigsten Indikatoren für das Bezugsniveau sind:

  • Fertigkeiten;
  • Kompetenzen;
  • Kenntnisse.

Im Kern besteht der EQR aus einer Abfolge von acht Bezugsniveaus, die Aussagen zu folgenden Punkten ermöglichen:

  • Wissensstand des Lernenden;
  • Lernfähigkeit des Einzelnen;
  • Fähigkeiten des Lernenden unabhängig vom System, in dem diese oder jene Qualifikation erworben wurde.

Anders als das Anerkennungssystem für akademische Abschlüsse, das sich an den Ausbildungs- und Studienzeiten orientiert, erfasst der EQR das gesamte Lernspektrum, also insbesondere auch den Ausbildungsverlauf außerhalb der regulären Ausbildungsgänge und formalen Bildungseinrichtungen.“

Vertiefende Informationen finden sich auf den verlinkten Webseiten der EU und einigen ebenfalls im Internet verfügbaren Broschüren (Kurzform und Langfassung).

Deutscher Qualifikationsrahmen

Auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) heisst es: „In Deutschland haben sich Bund und Länder gemeinsam auf die Entwicklung eines Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) verständigt.“ Dahinter steht ein gemeinsamer Beschluss von BMBF und der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Oktober 2006. Im Internet wurde ein spezielles DQR-Portal eingerichtet, in dem alle relevanten Diskussionen und Dokumente zum DQR gesammelt werden.

Der wesentliche Ansatz des ersten Entwurfs für den DQR wird dort wie folgt beschrieben:

Kernelement des DQR ist eine Vier-Säulen-Matrix, in der zwei Kompetenzkategorien (Fachkompetenz und Personale Kompetenz) sowie jeweils zwei Subkategorien („Wissen und Fertigkeiten“, „Sozial- und „Selbstkompetenz“) unterschieden werden. Ferner wurden acht Niveaustufen mit Deskriptoren eingeführt, denen formale Qualifikationen der allgemeinen, der Hochschulbildung und der beruflichen Bildung zuzuordnen sind. In einem späteren Schritt sind auch Ergebnisse des informellen Lernens zu berücksichtigen.“

Die Diskussionen um den DQR waren noch im Februar 2010 durch den Senat der Hochschulrektorenkonferenz sehr kritisch bewertet worden und er hatte in diesem Beschluss einen neuen Ansatz gefordert:

Allerdings ist der bisherige Ansatz aus Sicht des Senats der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der gestern in Berlin tagte, ungeeignet. Es gelinge nicht, Transparenz im Bildungssystem mit der Anerkennung der besonderen Profile der Bildungsbereiche zu vereinbaren.

Zum Ende der ersten Testphase stellte der HRK-Senat fest, dass die wissenschaftlichen Qualifikationen im DQR nicht angemessen abgebildet werden. Sachgerechte Aussagen über ihren Platz im Bildungssystem seien so nicht möglich. Wenn der DQR in seiner derzeitigen Form in Kraft träte, werde der Stellenwert von forschungs- und entwicklungsbezogenen Kompetenzen gegenüber unmittelbar anwendungsbezogenen Qualifikationen sinken. In der Folge würden falsche Vorstellungen von den Ansprüchen eines Studiums und den nötigen Vorqualifikationen vermittelt.

Seit dem 22. März 2011 liegt nunmehr der dritte Entwurf für den DQR vor, in dem auch die Kritik der HRK berücksichtigt wird.

Wesentliche Bestandteile des aktuellen Entwurfs

Die nachfolgend beschriebenen Bestandteile des DQR werden in der noch folgenden Diskussion vermutlich eine wesentliche Bedeutung haben.

Im DQR wird eine bildungsbereichsübergreifende Matrix zur Einordnung von Qualifikationen verwendet (S. 4).

Die Niveaubeschreibung erfolgt anhand zweier Kompetenzkategorien (Fachkompetenz und Personale Kompetenz) (S. 4).

Es wird eine einheitliche Struktur zur Beschreibung der acht Niveaus des DQR verwendet (S. 5). Diese Struktur ist in der nachfolgenden Grafik verdeutlicht (S. 5):

Die Niveaus sechs, sieben und acht entsprechen den mit den Hochschulabschlüssen Bachelor, Master und Promotion erworbenen Qualifikationsniveaus.

Probleme und Diskussionspunkte

Auch wenn im derzeitigen Entwurf des DQR ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass die Zuordnungen der Qualifikationen zu den Niveaus des DQR das bestehende System der Zugangsberechtigungen nicht ersetzen soll (S. 5), wird für die Hochschulen mit Sicherheit in der Folge eine Diskussion über die Durchlässigkeit des Hochschulsystems und vor allem über die Anerkennung von in der Berufspraxis erworbenen Kompetenzen entstehen oder verschärft werden.

Auch wenn im Rahmen der Bologna-Reform für die Modulbeschreibungen schon die Definitionen von vermittelten Kompetenzen gefordert wird, besteht hier zukünftig sicherlich noch teilweise Nachholbedarf. Es wird vermutlich noch präziser für Studiengänge und für Module definiert werden müssen, welche Kompetenzen vermittelt werden. Eine Reihe von Professorinnen und Professoren sind immer noch darauf fixiert, lediglich Inhalte für Lehrveranstaltungen zu definieren und nicht das, was die Studierenden nach erfolgreichem Abschluss des Moduls oder des Studiengangs an Kompetenzen erworben haben sollen.

In der Praxis der Hochschulen gibt es im Übrigen ja bereits an prominenter Stelle die Praxis, Kompetenzen an Stelle formaler Qualifikationsnachweise zu akzeptieren. Die Hochschulgesetze in Deutschland erlauben beispielsweise, dass bei Berufungsverfahren promotionsadäquate Qualifikationsnachweise akzeptiert werden.

Linkadressen:

http://www.bagkjs.de/media/raw/DQR_Vorschlag_Gesamtdokument_Stand_110322.pdf

http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2008:111:0001:0007:DE:PDF

http://ec.europa.eu/education/lifelong-learning-policy/doc44_de.htm

http://europa.eu/legislation_summaries/education_training_youth/vocational_training/c11104_de.htm

http://www.bmbf.de/de/12189.php

http://www.deutscherqualifikationsrahmen.de

http://www.deutscherqualifikationsrahmen.de/SITEFORUM?t=/contentManager/selectCatalog&e=UTF-8&i=1215181395066&l=1&ParentID=1215772816698&active=no

http://www.hrk.de/de/presse/95_5438.php

http://www.bagkjs.de/media/raw/DQR_Vorschlag_Gesamtdokument_Stand_110322.pdf

Reply