Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems

Nach langen und dem Vernehmen nach auch strittigen Diskussionen hat der Wissenschaftsrat mit Datum vom 12. Juli 2013 Empfehlungen zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems veröffentlicht. Ergänzt werden die Empfehlungen um einen kleinen Band mit Hintergrundinformationen.

Seit dem Jahr 2006 hat der Wissenschaftsrat damit mit den „Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem“, den „Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen“ (2010) und den „Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem“ (2010) seine Vorstellungen zur Weiterentwicklung im Hochschul- und Wissenschaftsbereich vervollständigt. Zu den letztgenannten Empfehlungen wurde in diesem Blog bereits berichtet (siehe z.B.: http://www.hopo-blog.de/2010/11/differenzierung_hochschulen/ und http://www.hopo-blog.de/2010/07/empfehlungen-fh/).

In seiner Presseerklärung fokussiert der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen sehr stark auf den vorgeschlagenen „Zukunftspakt für das Wissenschaftssystem“ und die damit verbundene Forderung nach einer nachhaltigen Perspektive für das Wissenschaftssystem. Es sind aber eine Reihe von Forderungen und Vorschlägen enthalten, die einer näheren Betrachtung Wert sind.

Wie beim Wissenschaftsrat üblich, ist die Empfehlung in eine Kurzfassung und in einen ausführlichen Teil gegliedert. Alle folgenden Aussagen beziehen sich jeweils auf die Langfassung.

Warum Wissenschaft gut und teuer sein muss

Der Teil A mit dem Titel „Wissenschaft im Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts“ ließe sich vielleicht gehässig als das Kapitel beschreiben, in dem alle gewichtigen Argumente zusammengetragen werden, die die Bedeutung des Wissenschaftssystems für den deutschen Staat, die Gesellschaft und die Wirtschaft zusammengetragen werden. Das mögen alleine die Titel der Unterkapitel deutlich machen:

  • Globalisierung
  • Beschleunigung
  • Komplexität
  • Demographie
  • Innovationsfähigkeit
  • Investitionsbedarf

Um nicht missverstanden zu werden: Eine gut und sorgfältig zusammengetragene Sammlung von Argumenten, die in jeglicher Diskussion über die Notwendigkeit, für Wissenschaft und Bildung Geld auszugeben hilfreich und nützlich sein kann.

Abgeleitete Leitlinien

Aus dieser Argumentensammlung werden dann Leitlinien für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems abgeleitet.

Der Wissenschaftsrat stellt zu Beginn fest, dass es nicht um eine Neuformierung, sondern um eine Weiterentwicklung geht:

dass Deutschland mit Blick auf seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit sowie seine internationale Attraktivität insgesamt eine gute Position einnimmt. Vor diesem Hintergrund hält der Wissenschaftsrat eine grundlegende Systemreform nicht für erforderlich.“ (S. 24)

Der Wissenschaftsrat formuliert allerdings sehr selbstbewusst den Anspruch, dass seine Empfehlungen als „Grundlage wissenschaftspolitischer Priorisierungsentscheidungen“ (S. 24) zu interpretieren seien.

Interessant ist, dass der Wissenschaftsrat bezüglich der Leistungsdimensionen der Wissenschaft ausdrücklich festhält, dass „Neben Forschung und Lehre, die traditionell zu den Kernaufgaben der Hochschulen gehören, […] die Leistungsdimensionen Transfer und wissenschaftliche Infrastrukturleistungen immer deutlicher in den Vordergrund“ [treten] (S. 25). Das ist eine deutliche Positionierung zugunsten der sonst manchmal anrüchigen „Anwendungsorientierung“. Unter Transfer wird dabei nicht nur der „reine“ Forschungs- und Technologietransfer verstanden, sondern „Die Leistungsdimension Transfer bezieht in einem breiteren Sinne die dialogische Vermittlung und Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus allen Wissenschaftsbereichen in Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik ein“ (S. 24-25).

Gelobt wird die Rolle der Exzellenzinitiative bei der Entwicklung eines forschungsstarken Wissenschaftssystems. Versteckt wird allerdings Kritik daran geübt, dass diese Entwicklung nicht adäquat im Lehrbereich zu verzeichnen ist. Merkwürdigerweise wird dabei vor allem „auf die noch nicht zufriedenstellende Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung“ (S. 25) abgehoben.

Konsequenterweise endet die entsprechende Passage auch mit der Forderung

Für den Wissenschaftsrat ist es im Anschluss an die Dynamik und die positiven Ergebnisse, die die gezielte Förderung von Forschung erreicht hat, nun unerlässlich, den Blick auf das ganze Leistungsspektrum des Wissenschaftssystems zu öffnen und alle Leistungsdimensionen zu fördern“. (S.26)

Erhalt der Vielfalt und Ausbau der institutionellen Differenzierung

Unter dieser Zwischenüberschrift wird dann beschrieben, dass die „große funktionale und institutionelle Vielfalt“ im deutschen Wissenschaftssystem vom Wissenschaftsrat als „eine unbedingt zu erhaltende Stärke“ (S. 26) angesehen wird.

Und dann fällt das „Zauberwort“, dass sich auch in den vorangehenden Empfehlungen immer wieder findet, das der „Profilierung“. Zum Beispiel in folgender Form:

Profilierung kann sich auf eine oder mehrere Leistungsdimensionen und innerhalb der Leistungsdimensionen auf bestimmte Bereiche […] beziehen.“ (S.26)

In einem späteren Kapitel wird dann ausführlicher erläutert, dass strategisch vor allem eine aufgabenbezogene Profilierung im außeruniversitären Bereich vorgeschlagen wird.

Für den Hochschulbereich wird erst einmal festgehalten, dass

der Hochschulbereich oberflächlich gesehen nach wie vor von den zwei „Typen“ Fachhochschule und Universität geprägt [sei], obgleich gerade die Hochschulen mit zunehmend diversifizierten Anforderungen umgehen müssen.“ (S. 27)

Konstitutive Rolle der Hochschulen im Wissenschaftssystem

Der Wissenschaftsrat schreibt den Hochschulen (wohlgemerkt den Hochschulen als Oberbegriff, nicht nur den Universitäten!) eine herausgehobene Funktion für das Wissenschaftssystem zu:

Zu Recht gelten sie als das „Organisationszentrum des Wissenschaftssystems“, das konstitutiv für die gesamte Vielfalt des Wissenschaftssystems ist.“ (S.28)

Aus dieser Analyse wird dann die Forderung nach einer auskömmlichen Finanzierung der Hochschulen abgeleitet und in verschiedenen Facetten beleuchtet.

Es fallen Stichworte wie „nachhaltige institutionelle Finanzierung, eine Pluralisierung der Förderinstrumente und -optionen“, „Verlässlichkeit, Stabilität und Nachhaltigkeit“ usw..

Von Bund und Ländern wird gemeinsame politische Verantwortung für die Entwicklung eingefordert und auch auf die Notwendigkeit der Aufhebung des Kooperationsverbotes im Grundgesetz hingewiesen.

Um dies zu gewährleisten, empfiehlt der Wissenschaftsrat den Regierungen von Bund und Ländern, sich auf gemeinsame wissenschaftspolitische Ziele zu verständigen, diese in einem übergreifenden Rahmen mit einer mittleren Laufzeit aufeinander abzustimmen und verbindlich zu verabreden.“ (S. 30)

Strategien und Maßnahmen für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems

In diesem Abschnitt der Empfehlungen werden dann aus den Leitlinien konkrete Vorschläge. Es werden vier Handlungsfelder benannt, für die Strategien und Maßnahmen notwendig sind:

  1. Hochschulen müssen sich auf eine hohe Zahl an Studierenden einstellen
  2. Das tertiäre Bildungssystem muss sich allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen öffnen
  3. Hochschulen müssen strategisch auf die Heterogenität der Studierendenschaft reagieren
  4. Die Studienerfolgsquote muss erhöht werden

Der Wissenschaftsrat würdigt ausdrücklich den Hochschulpakt 2020 und den Qualitätspakt Lehre bzw. die darüber bereit gestellten Finanzmittel. Die aufgebauten Kapazitäten sollen über 2020 erhalten bleiben und eventuell freiwerdende Mittel zur Qualitätsverbesserung in der Lehre genutzt werden. Die Mittel könnten längerfristig in eine nachfrageorientierte Reform der Grundfinanzierung der Hochschulen münden. (S.33)

Ein Mittel zur Verbesserung der Betreuungsrelationen könnte auch die Einbeziehung des Personals außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in die Lehre sein.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt in der Lehre eine anforderungsorientierte Anpassung der Strukturen und Formate von Lehrveranstaltungen und Studiengängen in den unterschiedlichen Qualifizierungsphasen. Er nennt dabei insbesondere:

  1. Die gezielte Ausgestaltung der Studieneingangsphase.
  2. Die Gestaltung des Bachelor-Abschluss als eigenständigem berufsbefähigendem Abschluss (Das geht ausdrücklich z.B. gegen die Bestrebungen von TU9!).
  3. Die Gestaltung des Master-Abschluss entweder als fachliche Vertiefung und Erweiterung auf einem promotionsbefähigenden Niveau oder im Sinne einer Zusatzqualifikation durch einen anders gelagerten fachlichen Schwerpunkt.
  4. Zusätzlich sollen neue Lehrformate (insbesondere internetgestützte) stärker eingesetzt werden.

Langfristig sollten nach Vorstellung des Wissenschaftsrats Mittel aus der 1. Säule des Hochschulpakts in solche Projekte zur qualitativen Verbesserung der Lehre verlagert werden (S. 37).

Interessanterweise kündigt der Wissenschaftsrat in einer Fußnote zu folgender Textpassage

Das sich sehr dynamisch entwickelnde Segment der dualen Studiengänge stellt in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag zur Verschränkung der traditionell getrennten Bereiche dar, indem es die Schnittstellen zwischen akademischer und beruflicher Bildung reibungslos gestaltet und darüber hinaus in besonderer Weise geeignet ist, qualifizierungsinteressierte Menschen außerhalb des tertiären Bildungssystems für eine hochschulische Aus- resp. Weiterbildung zu gewinnen.“ (S. 38)

an, sich zukünftig in einer separaten Stellungnahme zum Thema dualer Studiengänge äußern zu wollen.

Profilierung in der Lehre

Das Zauberwort Profilierung wird in den Empfehlungen intensiv in Bezug auf die Lehre verwendet. Er redet jenseits der Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten von spezifischen Lehrprofilen, die sich bereits entwickelt hätten und weiter entwickeln sollten. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass es nicht nur um die Auswahl der besten köpfe ginge, sondern um die Auswahl der „passfähigen“ Studieninteressierten.

Mit Hilfe „von quer zu den Fakultäten angesiedelte, langfristig geförderte Hochschulzentren [könnte] die Herausbildung bestimmter Profile in der Lehre umzusetzen [sein]“. (S. 41)

Dieser Abschnitt bleibt dann aber im Detail sehr unkonkret und ist in seinen möglichen Auswirkungen schwer nachzuvollziehen.

Strukturierung der Graduiertenqualifizierung

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, die fächerübergreifende Strukturierung der Doktorandenqualifizierung zukünftig als „Graduiertenzentren“ zu bezeichnen (S. 42). Es ist ganz offensichtlich, dass aus Sicht des Wissenschaftsrats das Modell der Einzelpromotion und der Einzelbetreuung in der Promotion auch aus Sicht der Qualitätssicherung ausgedient hat.

Berufe in der Wissenschaft

Der Wissenschaftsrat fordert, Berufe in der Wissenschaft attraktiver zu gestalten. Um attraktive Karrierewege und Berufe zu bieten, werden folgende Empfehlungen genannt:

  • Attraktive Entwicklungsmöglichkeiten für das wissenschaftliche Personal und
  • Strategische Personalentwicklung.

Diese Passage der Empfehlungen wird beispielsweise von der GEW ausdrücklich begrüßt.

Zentrale Strategien zur Stärkung der Hochschulen

Eingangs hat der Wissenschaftsrat bereits auf die konstitutive Rolle der Hochschulen im Wissenschaftssystem hingewiesen. Um diese zu stärken, werden folgende Strategien vorgeschlagen:

Im Zuge eines mehrdimensionalen Differenzierungsprozesses sind die Hochschulen gefordert, ihr funktionales Profil mit Hilfe eigener Mittel und unterstützt durch passgenaue Anreizsysteme zu entwickeln. Entsprechend ausgebildete Profile können sehr unterschiedlich sein und werden an den Hochschulen zur gezielten Herausbildung weniger, dafür aber sehr starker Leistungsbereiche führen.“ S. 49)

Da ist sie wieder, die ominöse Profilierung. Wobei bereits bei den Empfehlungen aus dem Jahr 2010 der Widerspruch enthalten war, dass einerseits eine faktische Differenzierung (induktiv) konstatiert wird, aber ein funktionales Profil (deduktiv) gefordert wird – vor allem einschränkend auf die Fachhochschulen bezogen.

Nach Auffassung des Wissenschaftsrats habe eine solche Profilierung in der Forschung auf Grund der Exzellenzinitiative stattgefunden, müsse aber auf den Bereich der Lehre ausgedehnt werden.

Differenzierung und Profilierung seien dringend notwendig:

Der Wissenschaftsrat vertraut auf einen konsequenten Differenzierungsprozess mittels mehrdimensionaler Profilierung. Dieser Prozess wird einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen. Gleichwohl sollten Differenzierung und Profilbildung von den Hochschulen selbst geprägte, evolutive Prozesse sein und nicht vorrangig wissenschaftspolitisch motivierten Auswahlinteressen folgen.“ (S. 50)

Das ist nun wieder rein induktiv formuliert, wie unter dieser Prämisse landes- oder gar bundesweit hochschulpolitische Steuerung möglich sein soll, bleibt ein Geheimnis des Wissenschaftsrats.

Für die skizzierte Entwicklung seien folgende Voraussetzungen notwendig:

  1. Geeignete Governancestrukturen.
  2. Geeignete rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen.
  3. Geeignete Instrumente.

Die in den Empfehlungen folgenden detaillierteren Erläuterungen zu diesen Voraussetzungen lesen sich im Wesentlichen wie die bekannten Forderungen von CHE und Stifterverband. Starke Hochschulleitungen, professionalisierte Führungsstrukturen, Berufungen als strategisches Element, (Haushalts-)Autonomie, Qualitätssicherung in Richtung Systemakkreditierung und gezielte Personalentwicklung.

Gefordert wird auch die Verallgemeinerung des Wissenschaftsfreiheitsgesetzes vor allem im Haushalts- und Personalrecht auf alle Bundesländer.

Forderungen zur Finanzierung

Der in der Presse am meisten beachtete Teil der Empfehlungen beschäftigt sich mit den Finanzforderungen. Der Wissenschaftsrat fordert nachdrücklich eine auskömmliche und gesicherte Finanzierung der Regelleistungen der Hochschulen in mehreren Bestandteilen.

Eine Erhöhung der Grundmittel jährlich in einem Umfang von mindestens einem Prozentpunkt oberhalb der erwartbaren wissenschaftsspezifischen Tarif- und Kostensteigerungen. Diese Erhöhung der Grundmittel sollen allerdings an eine gezielte Profilierungsstrategie gebunden sein, die mit Ziel- und Leistungsvereinbarungen unterfüttert werden sollen.

Der Hochschulpakt 2020 soll über 2020 hinaus fortgesetzt werden. Die pro Studierenden zu Grunde liegenden Beträge sollen an die Tarif- und Kostensteigerungen angepasst werden. Zudem sollen die bei sinkenden Studierendenzahlen freiwerdenden Mittel dann zur Qualitätsverbesserung in der Lehre eingesetzt werden.

Bund und Länder sollen ihre Zusammenarbeit beim Hochschulbau weiter fortsetzen. Die mit dem Wegfall der Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau zur Verfügung gestellten Mittel bis 2019 sollten wie beabsichtigt festgeschrieben werden. Die Zweckbindung für den Hochschulbau sollte über 2014 hinaus gesichert werden.

Die angemessene Finanzierung der Hochschulmedizin soll sicher gestellt werden.

In Hinsicht auf die für notwendig erachtete Differenzierung und Profilierung wird eine Flexibilisierung der Förderformate angeregt. Die große Vielfalt des Förderangebots sei beizubehalten, wobei einer Flexibilisierung der einzelnen Förderformate durch variable Projektlaufzeiten und -volumina anzustreben sei.

Zu ergänzen seien adäquate Förderoptionen insbesondere für die Leistungsdimensionen Lehre, Transfer und Infrastrukturleistungen.

Unscharf bleibt dann der Vorschlag der Etablierung einer „auf mehrere Leistungsdimensionen ausgerichtete Förderung von Personen und Schwerpunktbereichen an Hochschulen“ (S. 61).

Zudem solle die Programmpauschale für DFG-Projekte und langfristig für alle öffentlichen Förderprogramme auf 40 % erhöht werden.

Instrumente zur Profilierung

Die vorliegende Empfehlung könnte eigentlich auch als Profilierungsempfehlung beschrieben werden. Das scheint aus Sicht des Wissenschaftsrats die Lösung für die Weiterentwicklung zu sein.

Als Instrumente für die langfristige Profilbildung in allen Leistungsdimensionen werden in Ergänzung zu den in der Exzellenzinitiative bewährten Instrumenten der Exzellenzcluster und der Graduiertenschulen zwei neue Instrumente.

Erstens die Profilbildung durch strategische Berufungen. Diese sollen in Form von „Merian-Professuren“ durch entsprechende Programme gefördert und unterstützt werden. Die Professur könne sich auf alle Leistungsbereiche (Forschung, Lehre, Transfer oder Infrastrukturleistungen) beziehen, soll überdurchschnittlich ausgestattet sein (ca. 1 Mio. Euro pro Jahr) und an die Hochschule gebunden sein (nicht an die Person).

Ein weiteres Programm soll herausragende Leistungsbereiche fördern. Dazu sollen „Liebig-Zentren“ gebildet werden. Es sollen starke, quer zu den Fakultäten angesiedelte Leistungsbereiche mit einer nachhaltigen Perspektive entwickelt und langfristig gehalten werden. Die Empfehlung benennt den Transfer-Leistungsbereich hier als besonders geeignet für „Liebig-Professuren“ an Fachhochschulen. Die Förderung könnte gemeinsam für etwa siebenjährige Förderzeiträume durch Bund und Länder erfolgen.

Zukunft der Exzellenzinitiative

Der Wissenschaftsrat hält die Exzellenzinitiative für eine Erfolgsgeschichte.

Der Wettbewerb der Exzellenzinitiative mit drei Förderlinien unter einer gemeinsamen Dachmarke war mit hohem Aufmerksamkeitspotential und großem Aufwand verbunden. Er hat im Wissenschaftssystem eine wichtige kreative Dynamik in Gang gesetzt und die Herausbildung neuer Strukturen gefördert.“ (S. 67-68)

Er plädiert daher für folgende vier Punkte:

  1. die wichtigen Zielsetzungen der Exzellenzinitiative weiter zu verfolgen und zu ergänzen; sie über modifizierte wettbewerbliche Förderformate für Personen, Projekte, Zentren und Verbünde sowie als Kernaufgabe der Hochschulen längerfristig, unter Einbeziehung der Fachhochschulen und Ausweitung auf alle Leistungsdimensionen, weiter zu entwickeln;
  2. die in der Exzellenzinitiative erfolgreich erprobten Modelle und Instrumente für eine Strukturbildung an den Hochschulen mittelfristig für das Hochschulsystem insgesamt nutzbar zu machen;
  3. den bislang geförderten Strukturen Nachhaltigkeitschancen zu gewähren; besondere Bedeutung kommt dabei dem Länderanteil in der bisherigen Förderung zu, der erfolgreich begutachteten und geeigneten Maßnahmen dauerhaft zur Verfügung gestellt werden sollte – dies entspricht dem Ziel der Exzellenzinitiative, den Ausbau herausragender profilierter Universitäten zu fördern; aber auch die Universitäten selbst sind aufgefordert, die in der Exzellenzinitiative herausgebildeten Strukturen gemäß ihrer Nachhaltigkeitsplanungen zu erhalten und sie bei der Entwicklung ihrer Profilierungskonzepte zu berücksichtigen;
  4. in etwa zehn bis 15 Jahren die Option eines neuen öffentlichkeitswirksamen und vergleichenden Wettbewerbs um zukunftsweisende institutionelle Strategien zu prüfen, in dem es darum gehen soll, die zwischenzeitlich durch die Umsetzung von Profilierungskonzepten fortgeschrittene Profilbildung der Hochschulen besonders zu prämieren, dabei vor allem innovative und kreative Ideen zu fördern und mit zusätzlichen Fördermitteln einen erneuten Dynamisierungsschub zur weiteren Ausprägung der Leistungsspitzen in den Dimensionen Forschung, Lehre, Transfer und Infrastrukturleistungen zu erzeugen. (S. 68)

Es folgen detailliertere Vorschläge zur Fortführung der Einzelkomponenten der Exzellenzinitiative in Verbindung mit den anderen Empfehlungen. Diese sollten im Zweifelsfall im Original nachgelesen werden.

Differenzierung und Profilorientierung in der außeruniversitären Forschungslandschaft vorantreiben

Unter der oben stehenden Überschrift wird dann das Allheilmittel Profilierung auch auf den außeruniversitären Forschungsbereich ausgedehnt. Angesichts der durchaus heftigen Diskussionen um das Verhältnis von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den letzten Jahren und vor dem Hintergrund der teilweise sehr unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen bleiben die Empfehlungen diesbezüglich relativ unkonkret.

Der Wissenschaftsrat fasst die Empfehlungen selbst wie folgt zusammen:

Die funktionale Profilierung im außeruniversitären Bereich ist gleichermaßen Voraussetzung wie Ergebnis seiner differenzierten Aufgabenwahrnehmung.

Der Wissenschaftsrat gibt in diesem Zusammenhang Empfehlungen insbesondere zur Weiterentwicklung der Leibniz-Gemeinschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft, für die er strategischen Klärungsbedarf sieht: (1) Der Leibniz-Gemeinschaft empfiehlt er die konsequente Fortsetzung der bereits laufenden Entwicklungen, also der Orientierung auf die Gestaltung Mehrwert schaffender themenorientierter Verbünde, deren Themensetzung ausschließlich wissenschaftsgetrieben erfolgen sollte. (2) Die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sollte auch weiterhin die zentrale Dachorganisation zur Durchführung gesellschaftlich relevanter Vorsorgeforschung sein; die Gestaltung entsprechender Verbünde sollte transparent und an Kriterien wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit orientiert erfolgen. Ihre für das Wissenschaftssystem unverzichtbaren Infrastrukturleistungen sollten noch stärker als bislang die Bedarfe der Nutzer berücksichtigen. Die Empfehlungen richten sich an die Forschungsorganisationen selbst sowie ihre Zuwendungsgeber in Bund und Ländern.“ (S. 14-15)

Kooperationen

Die Empfehlungen enthalten dann mit einem längeren Kapitel zu Kooperationen. Das hat eine gewisse Logik in Ergänzung zur Forderung nach Profilierung und Differenzierung. Es liest sich allerdings ein wenig wie ein „Wunschkonzert“, das in Teilen doch relativ weit weg von den Realitäten ist.

Genannt werden mögliche Kooperationsfelder:

  • Doppelberufungen
  • Kooperationsplattformen für die Nachwuchsförderung (unter ausdrücklicher Einbeziehung der Fachhochschulen)
  • Verbünde
  • Forschungsinfrastrukturen
  • Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Zukunftspakt als Schlussfolgerung

Die Empfehlungen werden dann zusammengefasst in dem Vorschlag, alles in einem Zukunftspakt zu bündeln.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt Bund und Ländern, einen bis 2025 laufenden „Zukunftspakt“ zu vereinbaren, der an die laufenden Pakte anknüpft, die dabei verfolgten Ziele weiterentwickelt und in einem gemeinsamen Rahmen zusammenführt. Genau in dieser Zusammenführung liegt eine große Chance für Bund und Länder, insofern der übergeordnete Rahmen die einzelnen wissenschaftspolitischen Ziele zu einander in Beziehung setzt, um die bestehenden Interdependenzen zwischen den einzelnen damit verknüpften Maßnahmen wissenschaftspolitisch bewerten, abwägen und aufeinander abstimmen zu können. Er unterstützt zudem die Verabredung einer fairen Lastenverteilung zwischen Bund und Ländern. Dieser Ausgleich ist nicht auf der Ebene jedes Einzelinstruments zu erzielen. Umso zentraler ist es, dieses Ziel für den Zukunftspakt als Ganzes zu erreichen.

Um möglichst rasch Planungssicherheit zu schaffen, sollten die notwendigen Vereinbarungen für einen Zukunftspakt schon 2014 getroffen werden. Die Verabredung sollte grundsätzlich alle von Bund und Ländern gemeinsam zu tragenden Maßnahmen für das Wissenschaftssystem umfassen und durch eine Laufzeit bis mindestens 2025 das für die Wissenschaft notwendige Maß an Planungssicherheit gewährleisten. (S. 100-101)

Fazit

Wie sind die Empfehlungen insgesamt zu bewerten?

Einerseits ist hoch zu bewerten, dass hier eine Argumentationshilfe an die Hand gegeben wird zur Bedeutung des Wissenschaftssystems für Staat, Gesellschaft und Wirtschaft.

Zudem sind die Forderungen hinsichtlich der auskömmlichen Finanzierung nur zu unterstreichen.

Skepsis bleibt in Bezug auf das „Mantra“ der Profilierung und der Differenzierung. Es ist zu bezweifeln, ob durch diese rein wettbewerbliche Ausrichtung ein System insgesamt sich anforderungsgemäß entwickelt. Völlig offen bleibt, wie hier ein Dialog und eine Abstimmung erfolgen sollen, die die Profilierungsvorstellungen der Akteure mit berechtigten gesellschaftlichen Interessen in Abstimmung bringt und eine hochschulpolitische Planung auf Landes- und auf Bundesebene ermöglicht.

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